Luther-Statue in Nordhausen ein Affront

Demnächst ist die Kreisstadt Nordhausen dank den Rotariern, der Kreissparkasse Nordhausen und der evangelischen Kirche um ein Denkmal reicher und im 500. Jahr des historisch umstrittenen Thesenanschlags ist es kaum verwunderlich, dass dieses Denkmal dem laut ZDF-Umfrage (2003) „zweitgrößten Deutschen“, Martin Luther, gewidmet werden soll.
Denkmäler setzen wir gewöhnlich für Personen, die sich besonders entweder besonders verdient um eine Sache gemacht haben, die Vorbildcharakter ausstrahlen oder aus einem anderen Grund aus der breiten der Masse herausragen.
Dass Martin Luther demnächst in Nordhausen ein Denkmal gesetzt wird, nehmen wir daher zum Anlass, um die Frage aufzuwerfen, ob Luther diesen Ansprüchen Rechnung tragen kann, wenn man ihn aus der Gegenwart mit der nötigen historischen Distanz betrachtet.
Dass Luther der deutschen Sprache mit der Bibelübersetzung einen enormen Dienst erwiesen hat, ist unbestritten. Und seinerzeit der katholischen Kirche mit seinen 95 Thesen gegen den Ablasshandel die Stirn zu bieten, ist beachtenswert. Doch damit allein bleibt das Bild Luthers unvollständig. 500 Jahre Reformation und das Jahr 2017 als Luther-Jahr sind Beweggrund genug, um auch die dunkleren Facetten in Augenschein zu nehmen.

Unter anderem meldeten sich im Zuge des Jubiläums kritische Stimmen, die Luther als Antisemiten bezeichnen, zu Wort. Theologen erwidern darauf gerne belehrend, dass es sich bei Luther maximal um einen Antijudaisten gehandelt haben kann. Dieser Verharmlosungsstrategie ist jedoch entgegenzuhalten, dass ein religiös motivierter Judenhass keineswegs harmloser ist, als ein rassistischer Judenhass. Zumal sich in Luthers Texten beides nachweisen lässt. So heißt es einerseits antijudaistisch: „Unter der Judensau der Wittenberger Pfarrkirche saugen junge Juden und der Rabbi schaut der Sau ins Hinterteil und in den Talmud hinein. Von daher haben sie […] ihren Scheißdreck“.[1] Andererseits findet man aber auch antisemitische Sätze wie den folgenden: „Das israelitische Blut ist vermischt, unrein, verwässert und verwildert worden. […] Dieser trübe Bodensatz und stinkender Abschaum, dieser verschimmelte Sauerteig und sumpfige Morast von Judentum sollte die Erfüllung des Messias verdient haben, aber doch nichts weiter ist als ein fauler, stinkender, verrotteter Bodensatz vom Blut ihrer Väter?“[2] Die Einschätzung, dass neben antijüdischen auch antisemitische Tendenzen in Luthers Schriften zu Tage treten, wird unter anderem vom renommierten Luther-Experten, dem evangelischen Theologen Thomas Kaufmann geteilt. Kaufmann attestiert Luther „ein grundsätzliches Misstrauen gegen die Juden als Menschenart […]. Sein Hinweis auf die Qualität des jüdischen Blutes speist sich aus trüben Rinnsalen eines spezifisch vormodernen Antisemitismus.“ So wundert es nicht, dass sich 400 Jahre nach Luthers Tod Julius Streicher in Nürnberg wie folgt verteidigte: „Dr. Martin Luther säße heute sicher an meiner Stelle auf der Anklagebank, wenn dieses Buch von der Anklagevertretung in Betracht gezogen würde. In dem Buch Die Juden und ihre Lügen schreibt Dr. Martin Luther, die Juden seien ein Schlangengezücht. Man solle ihre Synagogen niederbrennen, man solle sie vernichten.“
Streicher bezieht sich hier nicht auf die “allseits bekannten“ 95 Thesen, die Luther in Wittenberg angeblich an die Kirchenpforte schlug, sondern auf Luthers judenfeindlichen Maßnahmenkatalog, den er in Von den Juden und ihren Lügen vorgestellt hat:
„Erstens, dass man ihre Synagoge oder Schule mit Feuer anstecke und, was nicht verbrennen will, mit Erde überhäufe und überschütte […].“
„Zweitens, dass man auch ihre Häuser zerbreche und zerstöre. […] Dafür mag man sie etwa unter einem Dach oder in den Stall tun wie die Zigeuner, damit sie wissen, dass sie nicht Herren in unserem Land sind […].“
„Drittens, dass man ihnen alle ihre Betbüchlein und Talmundisten wegnehme, in denen diese Abgötterei, die Lügen, der Fluch und die Lästerung gelehrt werden.“
„Viertens, dass man ihren Rabbinen bei Leib und Leben verbiete, weiterhin zu lehren.“
„Fünftens, dass man den Juden das freie Geleit und das Recht zur Benutzung der Straße ganz und gar aufhebe. Denn sie haben auf dem Lande nichts zu schaffen […].“
„Sechstens, dass man ihnen den Wucher verbiete und ihnen alle Barschaft und Kleinodien an Silber und Gold wegnehme […].“
„Siebtens, dass man den jungen, starken Juden und Jüdinnen [Werkzeug] in die Hand gebe und lasse sie im Schweiße ihres Angesichts ihr Brot verdienen lassen. Man müsste ihnen […] das faule Schelmenbein aus dem Rücken vertreiben.“

Angesichts der menschenverachtenden Ideologie, die sich in dieser Auflistung offenbart, kann man nicht anders, als Karl Jaspers zuzustimmen, wenn er schreibt: „Was Hitler getan, hat Luther geraten, mit Ausnahme der direkten Tötung durch Gaskammern.“ [3] Solch einem Mann wie Luther in einer Stadt wie Nordhausen, in der während des Zweiten Weltkriegs mindestens 20.000 Häftlinge im Konzentrationslager Mittelbau-Dora ums Leben gekommen sind, ein Denkmal zu errichten, ist nach unserem Dafürhalten ein Affront gegenüber den Opfern.

Aus heutiger Sicht sind zudem Luthers Frauenbild und seine Einstellung gegenüber Menschen mit Behinderung alles andere als unproblematisch.
Luthers Frauenbild ist zweidimensional. Frauen sind entweder gehorsame Gebärmaschinen oder gehören als Hexen auf den Scheiterhaufen. Über letztere äußert er sich im Zuge des aufkommenden Hexenwahns im 16. Jahrhundert, welcher mindestens 25.000 Opfer forderte, wie folgt: „Ich will der erste sein, der Feuer an sie legt.“[4] Wer als Frau nicht als Hexe auf dem Scheiterhaufen landet, darf sich glücklich schätzen, denn ist es doch die „[…] größte Ehre, die das Weib hat […], dass wir allzumal durch die Weiber geboren werden.“[5]
Nicht weniger zahm zeigte sich Luther gegenüber Kindern mit Behinderung: „Wenn man aber von den teufelsähnlichen Kindern erzählt, von denen ich einige gesehen habe, so halte ich dafür, dass sie entweder vom Teufel entstellt, aber nicht von ihm gezeugt sind, oder dass es wahre Teufel sind.“[6]

Und auch in einer anderen Hinsicht empfiehlt sich Martin Luther keineswegs als Vorbild. Denn mitnichten stände er auf dem Boden der freiheitlich-demokratischen Grundordnung, wenn er schreibt, dass „[…] der Esel […] Schläge haben [will] und der Pöbel […] mit Gewalt regiert [will]. Das wusste Gott wohl, drum gab er der Obrigkeit nicht einen Fuchsschwanz, sondern ein Schwert in die Hand.“[7] Würde man Luther mit einer Zeitmaschine in unsere Zeit holen, er wäre sicher erbost ob der Zustände die er vorfinden würde.
Betrachtet man nicht nur das romantisch-verklärte Marketingbild Luthers, sondern die Person in Gänze, so zeigt sich, dass es sich bei der Idee, so jemandem ein Denkmal zu errichten, nur um ein Missverständnis handeln kann. Wir schlagen vor, dies zu korrigieren.

[1] Martin Luther: Vom Schem Hamphoras, 1543.
[2] Martin Luther: Von den Juden und ihren Lügen, 1543.
[3] Karl Jaspers, Philosophie und Welt, 1958, 162.
[4] Ausstellung „Luther und die Hexen“, Schmalkalden 2012/2013.
[5] Martin Luther: „Von der Ehe“, Gesamtausgabe, hrsg. v. Johann Georg Walch, 1734.
[6] Opera Exegetica, Erlanger Ausgabe, II., 27.
[7] Martin Luther: „Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern“, 1525.


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